Zum diesjährigen 200. „Jubiläum“ der Völkerschlacht bei Leipzig werden ca. 5000 Reenactors, Hobbysoldaten aus ganz Europa, in Leipzig erwartet, die auf den Feldern des Leipziger Umlandes Teile dieser Schlacht nachstellen werden. Diese Schlachten-Spiele sind ein Tummelplatz für Freizeitsoldaten, Hobbyhistoriker, Uniformfans, Eventfirmen und Militariafreunde, die in der „Wiederaufführung“ von Kriegshandlungen offenbar eine gewisse Erhabenheit und Befriedigung empfinden.


Bedient werden dabei wohl verschiedene Sehnsüchte: Identitäts-bedürfnisse, die Suche nach Werten, Waffen- und Kostümliebhaberei. Mehrheitlich scheinen der Spaß am Waffengang, das Hineinversetzen in „tapfere“, „große“ und „schwere“ Zeiten bzw. die Vernarrtheit in militärische Codes und Details an vorderster Stelle zu stehen. Die Reenactments, die seit längerer Zeit jedes Jahr aus Anlass der Völkerschlacht stattfinden, sind ein Phänomen, das von den Beteiligten mit seltsamen Argumenten erklärt wird: Man wolle sich an die „Befreiung“ erinnern, „Tradition“ pflegen, alte „Werte aufleben“ lassen, Lagerleben, Drill und Gefechtsszenen „zeigen“, und sich friedlich unter der heutigen europäischen Idee als gute Kameraden am Lagerfeuer zusammenfinden.[1]



„Und sind wir bei einer dieser Reenactment Veranstaltungen dabei gewesen, konnten wir mit allen Sinnen aufnehmen, was die Menschen der dargestellten Zeit erlebten.“ schreibt die K&K UG Leipzig, welche unter „Marketingleistung, Touristikservice, Bildung“ firmiert, auf ihrer Webseite.[2] Was die Menschen in dieser Zeit erlebten?


  1. „Da fanden wir ... 12 Tage (!) nach der Schlacht, noch immer einen Rest dieser Unglücklichen, die unverbunden, mit ganz schwarz gewordenen Wunden laut jammernd auf ihrem Stroh lagen, ... und der Anblick der meist furchtbar verstümmelten Todten, die, in Haufen über einander liegend, sehr oft den Weg gänzlich hemmten, war schaudervoll. Der Anblick solches Elends, brachte Eindrücke, die nicht zu beschreiben - nur durch eigene Erfahrung zu begreifen sind!“ oder „man konnte kaum einige Schritte gehen, ohne nicht auf einen Todten oder verwundeten Menschen zu stoßen, und so lagen Gesunde, Verwundete und Todte, alles untereinander, sterbend krochen die Menschen auf Händen und Füßen zu einem Ruhepunkt, wo sie ihren Geist aufgeben suchen; Halbtod wurden sie von den Rußen Nackend ausgezogen, und mußten in Schlamm und Näße bei der kalten Jahreszeit, ohne alle Hülfe umkommen.“... Vor allen waren es die verzerrten Gesichtszüge dieser Unglücklichen, die den tiefsten schrecklichen Eindruck machten. Das ganze Gesicht sprach von Gier und Angst“ [3]


Kann man anhand dieser wenigen Ausschnitte die Parole vom authentischem Erleben ernst nehmen? Natürlich, das Reenactment ist kein Krieg, schon gar nicht jene größte Feldschlacht der Welt vor dem 20. Jahrhundert mit 600.000 Teilnehmern. Welche Verkürzung aber, zu meinen, dass mit einem Reenactment-Theater irgendein „Erlebnis“ von der unfassbaren Grausamkeit jenes historischen Ereignisses abgeleitet werden könnte. Man muss unterstellen, dass all diese Argumente nur die Lust am Kriegspielen rechtfertigen bzw. verdecken sollen. Der Reenactor, im Spiel als eingebildeter, „echter“ Krieger, sucht den Pfad abseits des industriellen Tourismus und hofft, in Kontakt mit den „Kameraden“, den Einheimischen und besonders auch mit historischen Charakteren, die aus Tagebüchern zu ihm sprechen, sein wirklicheres Selbst zu finden.[4] Aber was zählt schon der Einzelne, was zählt der echteste und lebendigste Charakter im Krieg? Nichts! Der Krieg ist das dümmste Mittel, einen Helden aus sich machen zu wollen.





  1. 1.Film-Beitrag von Eva Siemon: http://www.youtube.com/watch?v=7gCKlJdW1zI)

  2. 2.http://www.1813voelkerschlacht.eu/projekte/reenactment).

  3. 3.Zeugen des Schreckens, Erlebnisberichte aus der Völkerschlacht in und um Leipzig, ProLeipzig, 2012)

  4. 4.Ulf Otto, Re:Enactment, in: Roselt/Otto: Theater als Zeitmaschine, Transcript, 2012)


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